Intro
Es freut mich unglaublich, diesen ersten August mit euch feiern zu können. Schön, dass ihr hier so zahlreich hier erschienen seid, um den Geburtstag unseres Landes zu feiern. Heute ist ein Tag der Freude, ein Tag, den wir mit Freunden und Familien geniessen, gemeinsam unsere Hymne singen und unseren Stolz an unserem Land verkünden. Genau so soll es sein. Genau deshalb feiern wir.
Als ich von Ulrich zu dieser Ersten August Rede eingeladen wurde, habe ich mir einige Zeit Gedanken darüber gemacht, über was ich sprechen soll. Es sollte etwas sein, das unsere Schweiz ausmacht, dass sie prägt: Und irgendwie gibt es da so viel, das das unser Land über all diese Jahre mal ausgemacht hat, dass das gar nicht so einfach ist, da einfach etwas zu finden. Unser Land hat sich immer wieder geändert. Denkt nur daran: Aus einem armen Alpenland wurde eines der innovativsten Länder der Welt. Wir haben Gotthardtunnel durch Fels gebohrt, und haben mit ihm den längsten Eisenbahntunnel Europas, wir haben die Wasserkraft in den Alpen genutzt, und später Unternehmen hervorgebracht, die heute Medikamente entwickeln, die auf der ganzen Welt Leben retten. Egal, ob in der Ingenieurskunst, in den Banken oder in der Pharmabranche – unser Land hat über die Jahrhunderte hinweg überall brilliert. Aber irgendwie unser Land im Kern immer noch dieselbe Schweiz wie vor Jahrhunderten und trotz aller Innovationen und Wandel sind unsere Werte gleich geblieben: Freiheitsliebend, innovativ und vor allem gemeinschaftlich. Die Schweiz ist ein Land, das stets zwischen Wandel und Tradition stand. Und genau über das möchte ich heute mit euch sprechen. Über das, was geblieben ist und auch bleibt, und über das, was sich verändert. Manchmal denkt man sich doch: «Tradition, das ist alt, das passt doch nicht zusammen mit Weltoffenheit und unserer Globalisierung» – aber ich denke, die Gratwanderung der Schweiz durch genau diese zwei Sachen ist das eigentliche Erfolgsrezept unseres Landes.
Ich möchte gerne mit einem Satz beginnen, den sicher jeder hier kennt. Entweder hat man das Grosi oder den Grosspapi diesen Satz sagen gehört, vielleicht ist man aber auch schon selber in dem Alter angekommen, in dem dieser Satz einfach mal aus jedem Mund fällt: "Also, zu unserer Zeit war das anders."
Und ja, auf jeden Fall – der Satz stimmt. Es war anders. Vor hundert Jahren sah dieses Land anders aus. Vor fünfzig Jahren. Ach, nur schon vor zwanzig Jahren sah alles noch anders aus. Die Höfe, die Schulen, die Berufe, – alles war in Bewegung, immer schon.
Wenn ich vor noch 100 Jahren vor euch gestanden hätte, hätte es hier sicher noch mehr Bauernhöfe gegeben. Oder noch mehr Gasthöfe, die es auch immer weniger gibt. Inzwischen wird wohl ein Grossteil von euch wohl eher in irgendeinem KMU in einer näheren Grossstadt arbeiten mit einem Firmenhauptsitz, der noch weiter entfernt isch, statt wie damals noch im lokalen Gewerbe.
Die Eidgenossenschaft, die wir heute feiern, ist nicht an einem einzigen Tag auf dem Rütli fertig entstanden und dann für immer eingefroren worden wie ein Foto in einem Museum. Sie ist gewachsen. Wir haben darüber gestritten wie sie aussehen soll, verhandelt, manchmal mussten wir sie auch in einem Kampf verteidigen. Unser Land hat sich immer wieder neu erfunden – mit der Gründung der neuen Bundesverfassung, mit der ETH – und ist sich trotzdem dabei, im Kern, treu geblieben.
Das ist die erste Sache, die ich mit euch teilen möchte: Tradition bedeutet nicht Stillstand. Tradition ist keine Fotografie aus vergangenen Zeiten, die wir stur bewahren müssen, egal was passiert. Tradition ist eher wie ein Fluss. Ein Fluss verändert ständig sein Wasser und die Fische kommen und gehen – und er ist trotzdem, nach hundert Jahren, noch derselbe Fluss.
Und Wandel, meine Damen und Herren, den erleben wir gerade in einer Geschwindigkeit, die manchmal fast schwindlig macht.
Denkt nur an die letzten Jahre. Wie wir arbeiten, hat sich verändert. Wo wir arbeiten, hat sich verändert – im Büro, im Homeoffice, im Zug mit dem Laptop auf den Knien. Wie wir kommunizieren, hat sich verändert. Meine Eltern haben monatelang eine Fernbeziehung geführt, bei der sie in ein Internetcafe sassen, um sich Mails zu schreiben – ihre Eltern zu ihrer Jugend hingegen schrieben sich sogar noch von Hand Briefe. Und heute – da schickt man sich mal einfach schnell eine Sprachnachricht per Whatsapp.
Vor hundertfünfzig Jahren fuhr man mit der Pferdekutsche durchs Dorf oder es gab gerade mal die Spanisch-Brötli-Bahn und sehr wenige andere Eisenbahnlinien. Dann kamen die ersten Autos. Heute steigen wir in den Zug und sind oft pünktlich auf die Minute genau am Ziel – oder wir stehen im Stossverkehrstau, wenn wir doch mit dem Auto unterwegs sind. Früher schrieb man Briefe, heute bezahlen viele von uns sogar den Kaffee mit dem Handy.
Unsere Dörfer verändern sich. Manche Betriebe, die seit Generationen den Ortskern geprägt haben, schliessen leider. Die Gasthöfe werden weniger und wenn wir heute noch einen Hofladen sehen, freuen wir uns richtig darüber. Dafür entstehen neue Ideen, neue kleine Unternehmen, neue Formen des Zusammenlebens. Unser Land erlebt in den letzten Jahren regelrecht einen Startup-Boom. Menschen ziehen zu uns, mit anderen Geschichten, anderen Sprachen, anderen Traditionen im Gepäck – und bringen unser eigenes Zusammenleben durcheinander und gleichzeitig auch wieder zusammen.
Die Technologie verändert sich so schnell, dass ich fast Angst habe, in dieser Rede ein Beispiel zu nennen, das in zwei Jahren schon wieder komisch veraltet klingt. Künstliche Intelligenz, Klimawandel, neue Formen der Mobilität – all das fordert uns heraus, jeden Tag aufs Neue.
Und ja, das macht paaren von uns Sorgen. Ach, was sage ich – ich denke, jeder von uns hat sich schon Sorgen gemacht darüber, wie es wohl morgen aussieht. Das ist völlig normal. Wandel, der zu schnell kommt, fühlt sich nicht nach Fortschritt an. Er fühlt sich an wie Kontrollverlust. Wie ein Boden, der nicht mehr ganz fest ist unter den Füssen.
Und genau hier, glaube ich, kommt unsere Tradition ins Spiel. Nicht als Bremse gegen unsere Zukunft. Sondern als das, was uns hält, während wir uns bewegen.
Der Philosoph Sigmund Freud beschrieb Religion einmal als etwas, das Menschen Trost und Hoffnung schenken kann. Darin steckt meiner Ansicht nach ein interessanter sehr menschlicher Gedanke: Wir Menschen brauchen etwas, das ihnen Orientierung gibt.
Für viele von uns ist das unser Heimatland. Ein Land, dessen Werte, Traditionen und Gemeinschaft uns daran erinnern, wer wir sind: besonders dann, wenn sich um uns herum vieles verändert.
Stellt euch einen Baum an einem stürmischen Tag vor. Die Äste biegen sich, die Blätter werden vom Wind verweht, alles bewegt sich. Und trotzdem steht der Baum, weil seine Wurzeln tief sind. Die Wurzeln sind nicht das Gegenteil der Bewegung – sie machen die Bewegung erst möglich, ohne dass der Baum umkippt. Während über die Jahre hinweg neue Äste wachsen, alte Früchte vom Baum fallen und neue Blüten aufblühen, bleibt das Fundament des Baumes immer bestehen.
Unsere Traditionen sind genau wie solche Wurzeln. Traditionen sind für mich Feste wie der Alpabzug vor der schönen Alpenkulisse, der Böögg und das Sächsilüüten im Kanton Zürich, aber vor allem beispielsweise auch hier im Aargau der Maienzug. Süsse kleine Kinder, die diese lockere Fröhlichkeit und Kindlichkeit in sich tragen, geschmückt in wunderschönen weissen Blumen. Aber Traditionen sind für mich eben nicht nur Feste und Anlässe. Der Begriff beinhaltet für mich vor allem auch unsere Sitten, unsere Regeln, unsere Werte. Das, was für uns halt einfach «schon immer so gewesen ist.»
Das sind: die direkte Demokratie, bei der wir alle mitreden dürfen. Der Föderalismus, der erlaubt, dass ein Bergdorf und eine Grossstadt unterschiedliche Lösungen finden dürfen für ihre unterschiedlichen Fragen. Die Milizarbeit, bei der Nachbarinnen und Nachbarn Verantwortung übernehmen, ohne dafür ein Amt oder einen grossen Titel zu brauchen. Das Vereinsleben, der Gesangverein, die Feuerwehr, der Schützenverein, die Frauenriege – Orte, an denen man sich einfach trifft, ohne grossen Anlass, nur weil man zusammengehört.
Was uns all das gibt, vor allem die Vereine, ist etwas vom Wertvollsten überhaupt: das Zwischenmenschliche. Keine Tradition, kein Brauch wäre das gleiche ohne all die Menschen, die ihn ausmachen. Das gemeinsame Lachen. Das gemeinsame Anpacken. Die Musikgesellschaft Gränichen, die heute für uns spielt. Das gemeinsame Feiern, so wie heute Abend.
Denn selbst wenn ich nicht weiss, welche Berufe es in zwanzig Jahren noch geben wird oder wie sich unsere Welt verändert, weiss ich eines: Im Turnverein, im Schützenverein, in der Musikgesellschaft oder in der Feuerwehr werde ich Menschen antreffen, die sich füreinander interessieren. Menschen, die sich freuen, wenn ich komme, und merken, wenn ich einmal fehle. Das kann keine künstliche Intelligenz ersetzen und kein Algorithmus berechnen. Weder im Beruf, noch in der Freizeit.
Die Schweiz ist für mich manchmal wie eine Uhr. Kein Zahnrad ist besonders gross. Aber jedes einzelne ist wichtig. Unsere Gemeinden, Kantone, Vereine, Familien, Unternehmen. Erst zusammen laufen wir wie ein Schweizer Uhrwerk.
Ich glaube deshalb nicht, dass wir uns entscheiden müssen zwischen "früher war alles besser" und "je neuer und moderner, desto besser". Beide Sätze ersparen uns das Nachdenken und lassen das Ganze simpler dastehen, als es ist.
Die eigentliche Arbeit besteht darin, jeden Tag neu zu fragen: Was von dem, was wir haben, ist es wert, bewahrt zu werden? Und wo brauchen wir den Mut, etwas Neues zuzulassen, auch wenn eine Änderung oft unbequem ist?
Das haben unsere Vorfahren übrigens auch schon gemacht. Als die Frauen 1971 endlich das Stimmrecht erhielten (und das ist, historisch betrachtet, gar nicht so lange her), gab es laute Stimmen, die von "Traditionsbruch" sprachen. Noch etwa 12 Jahre davor wurde dieses mit einer grossen Mehrheit abgelehnt. Heute können wir uns unser Land ohne diesen Schritt gar nicht mehr vorstellen. Als der Gotthardtunnel gebaut wurde, gab es Stimmen, die sagten, «das ist zu gross. Zu teuer. Brauchts nicht, hat ja auch so geklappt» Und heute können wir uns zu Ostern gar nicht mehr eine Schweiz ohne den Gotthardtunnel vorstellen. Der Wandel von gestern ist die Tradition von heute geworden.
Das gibt mir Zuversicht, wenn ich an die Herausforderungen denke, die vor uns liegen. Wir werden auch die heutigen Fragen – zur Energie, zur Digitalisierung, zur Asylpolitik, zum Klima – nicht lösen, indem wir sie verdrängen. Wir müssen uns diesem Wandel, der nicht nur uns, sondern auch alle anderen Länder betrifft, stellen. In der Schule KI strikt überall zu verbieten, als zu zeigen, wie damit umzugehen, kann gefährlich werden. Aber wir sollten auch nicht einfach das Alte über Bord werfen. Ein Stellenabbau, weil Chat GPT es inzwischen auch zu können scheint, ist langfristig keine Lösung. Sondern wir müssen das Bewährte beibehalten und vorsichtig weiterentwickeln, Chancen erkennen.
Wandel und Tradition begegnen uns nicht nur in den Geschichtsbüchern. Sie begegnen jedem von uns. Das Leben verändert sich ständig. Kinder werden erwachsen. Eltern werden Grosseltern. Freundschaften kommen dazu, andere verlieren sich. Die Welt bleibt nie stehen. Und vielleicht merken wir gerade deshalb, wie wertvoll die Dinge sind, die uns immer wieder zusammenbringen.
Das ist, was ein lebendiges Leben, aber auch unser Land ausmacht: viele einzelne Geschichten von Wandel und Tradition, die sich zu einem grösseren Ganzen zusammenfügen.
Liebe alle,
Wenn wir nachher gemeinsam die Nationalhymne singen, dann ist das für mich ein schönes Bild für genau das, worüber ich heute gesprochen habe. Die Melodie ist seit Generationen dieselbe. Und doch klingt sie jedes Jahr ein wenig anders – weil andere Menschen mitsingen, andere Geschichten mitbringen und wir selbst uns verändert haben. Tradition und Wandel begegnen sich in denselben Zeilen.
Ich wünsche uns allen, dass wir den Mut haben, Neues zuzulassen, ohne zu vergessen, wer wir sind. Dass wir stolz sein dürfen auf das, was frühere Generationen aufgebaut haben, ohne uns daran festzuklammern, wenn die Zeit für etwas Neues gekommen ist. Und dass wir, bei allem Wandel, den einen Ort nie verlieren, an dem wir zusammenkommen können, so wie heute Abend: über den Gartenhag hinweg, über Generationen hinweg, über Unterschiede hinweg.
Zum Abschluss möchte ich euch noch einen Ausschnitt der vierten Strophe unserer Nationalhymne vorlesen:
Fährst im wilden Sturm daher, Bist du selbst uns Hort und Wehr, Du, allmächtig Waltender, Rettender! In Gewitternacht und Grauen Lasst uns kindlich ihm vertrauen!¨
Dieses Vertrauen, von dem unsere Hymne singt, möchte ich euch mitgeben. Nehmt diese Worte nachher mit im Herzen, wenn wir gemeinsam unsere Hymne singen. Nehmt das Vertrauen in unser Land mit – auch in stürmischen Zeiten. Unsere Schweiz war immer schon ein Meister darin, Traditionen zu bewahren und trotzdem Neues zu wagen. Und ich bin zuversichtlich, dass wir hier auch weiterhin so erfolgreich sein werden.
In diesem Sinne: Ich wünsche euch allen einen wunderschönen, fröhlichen, herzlichen 1. August.
Es lebe die Schweiz!